Unsere Haltung: Die Diagnose als Beginn eines Verstehens
Eine Diagnostik ist für uns nicht die Suche nach einem Defekt, sondern der Versuch, gemeinsam mit Ihnen zu verstehen, wie Sie wahrnehmen, denken und fühlen — und was es Sie täglich kostet, in einer Welt zurechtzukommen, die darauf wenig Rücksicht nimmt.
Viele Erwachsene kommen zu uns, nachdem sie über Jahre das Gefühl hatten, „irgendwie anders" zu sein, ohne dafür eine Sprache zu haben. Nicht selten wurden zuvor Depressionen, Ängste oder Erschöpfungszustände behandelt, während das Eigentliche unerkannt blieb: eine besondere Art, Reize, Beziehungen und die eigene Innenwelt zu erleben. Menschen im Autismus-Spektrum und mit ADHS erleben dieselben Gefühle, Wünsche und Sehnsüchte wie alle anderen — sie leiden häufig daran, dass die Umwelt für sie wenig Sinn ergibt, überfordernd laut oder unvorhersehbar ist. Rückzug, Reizabschirmung oder ständige Anspannung sind dann keine Marotten, sondern verstehbare Antworten auf Angst und Überflutung.
Autismus und ADHS sind aus unserer Sicht keine Krankheiten, die „geheilt" werden müssten, sondern Weisen, in der Welt zu sein — mit eigenen Stärken und mit realen Belastungen, die wir ernst nehmen. Eine sorgfältige Diagnose kann dabei sehr entlasten: Sie ordnet die eigene Lebensgeschichte neu, ersetzt jahrelange Selbstvorwürfe durch Verständnis und macht nachvollziehbar, warum manches im Leben so viel Kraft gekostet hat. Sie ist kein Etikett, sondern ein Schlüssel.
Daraus ergibt sich auch unsere Behandlungshaltung: Wo Unterstützung gewünscht wird, arbeiten wir in einem verlässlichen, kontinuierlichen und vorhersagbaren Rahmen daran, das innere Erleben kennenzulernen und die dahinterliegenden Ängste zu verstehen — statt lediglich Verhalten zu trainieren. Die Erfahrung zeigt: Wer sich sicherer und besser verstanden fühlt, kann sich mehr öffnen, sich klarer ausdrücken und die eigenen Stärken freier nutzen. Damit stehen wir in der Tradition der internationalen psychoanalytischen Arbeit mit autistischen Erlebensweisen (u. a. Frances Tustin, Anne Alvarez, Joshua Durban), deren Ziel nie die Veränderung der Person ist, sondern ihre Entfaltung — auf die eigene Weise.
Die Diagnose ist bei uns deshalb kein Endpunkt, sondern ein Anfang: der Beginn eines besseren Verständnisses Ihrer selbst, und — wenn Sie es wünschen — einer Behandlung, die dieses Verständnis vertieft.
Paartherapie bei Neurodivergenz
Neurodivergenz — also ADHS oder Autismus — prägt nicht nur das eigene Erleben, sondern auch Partnerschaften, oft ohne dass beide Partner wissen, was eigentlich geschieht. Viele neurodivergente Menschen betreiben über Jahre sogenanntes Masking: Sie überspielen und kompensieren ihre Eigenheiten mit erlernten Strategien, wirken nach außen angepasst und funktionieren — um einen hohen Preis. Denn Masking kostet fortlaufend Energie. Zu Hause, wo die Maske fallen darf, zeigen sich dann Erschöpfung, Reizbarkeit oder das Bedürfnis nach Rückzug und Stille.
Kommt über lange Zeit mehr Belastung zusammen, als sich erholen lässt, kann ein autistisches Erschöpfungssyndrom (autistic burnout) entstehen: eine tiefe, anhaltende Erschöpfung mit erhöhter Reizempfindlichkeit, bei der selbst vertraute Alltagsfähigkeiten vorübergehend verloren gehen können. Hinzu kommen häufig People Pleasing — das automatische Erfüllen der (vermuteten) Erwartungen anderer — und Schwierigkeiten, die eigenen Grenzen rechtzeitig zu spüren und zu benennen. Überlastung wird dann oft erst bemerkt, wenn sie schon da ist: als plötzlicher Rückzug, Absage oder „Shutdown".
Für Partnerinnen und Partner sieht das leicht nach etwas anderem aus — nach Desinteresse, Ablehnung oder Feindseligkeit. Genau das ist das Missverständnis, an dem viele Beziehungen leiden: Diese Phänomene haben nichts mit Unwillen, fehlender Liebe oder verdecktem Konflikt zu tun. Sie sind Ausdruck eines erschöpften Energie- und Reizhaushalts. Und Missverständnisse entstehen dabei in beide Richtungen — beide Partner nehmen die Welt unterschiedlich wahr und deuten einander fehl, ohne dass jemand „schuld" wäre.
In der Paartherapie bei Neurodivergenz geht es deshalb zunächst darum, dass beide verstehen, wie der neurodivergente Partner wahrnimmt, kommuniziert und sich erholt — und umgekehrt. Auf dieser Grundlage lassen sich Rückzug und Nähe, Kommunikation und Erholungsräume so verhandeln, dass beide vorkommen. Paartherapie ist keine Leistung der gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung; dieses Angebot richtet sich daher an Selbstzahler. Die Kosten pro Gespräch entsprechen denen einer Akuttherapie mit Befund (ca. 165 €). Termine über Doctolib oder per E-Mail.